Vernissage „ SPUREN DES VERGESSENS “
Der Ort ist außergewöhnlich: das Museumsbahngelände der Verkehrsfreunde e.V. in Lüneburg verbindet den morbiden Charme alter Eisenbahnwagons mit wild wuchernder Flora zwischen den Gleisen und akribisch geschmiertem Werkzeug in wieder hergerichteten Lokschuppen. Der Ort passt zu der ebenfalls ungewöhnlichen Kooperation, die dort am Freitag, den 26. Juni zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen hatte. Der Kunstfachbereich der IGS stellte die Ergebnisse zweier Projekte aus, die Anknüpfen an die Zusammenarbeit mit der Projektgruppe „6 Tage im April“, bei dem Ehrenamtliche aus Geschichtswerkstatt und VVN BdA Führungen für den 9. Jahrgang der IGS zu den Orten des größten Kriegsverbrechens in Lüneburg am Ende des 2. Weltkriegs durchführen. Sie habe den Eindruck gehabt, die Schüler:innen wollten nach der Auseinandersetzung mit dem Kriegsverbrechen ihrer Betroffenheit noch mal anders Ausdruck verleihen, beschreiben Gesine Held und Maria Lütjohann-Smith, Kunstlehrerinnen an der IGS, ihre Motivation, Überlegungen für ein Kunstprojekt im Kontext der Geschehnisse im Nationalsozialismus in Lüneburg anzustellen. Lego-Steine, bunt und quitschig, gesammelt an verschiedenen öffentlich eingerichteten Sammelstellen in Lüneburg brachten das Material zusammen, mit dem Held und Lütjohann-Smith und zwei Klassen des 9. Jahrgang daraufhin Orte des Vergessens zu Orten der Erinnerung machten. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten nach dem Konzept des Berliner Künstlers Jan Vormann, der mit Legosteinen beschädigte Stellen in Mauerwerken und Gebäuden gestaltet und so verborgene Geschichten im öffentlichen Raum sichtbar macht. janvormann.com
Nach diesem Konzept versahen die Schülerinnen und Schüler Orte in Lüneburg mit Legosteinen, an denen jüdische Menschen gelebt, gearbeitet und das Leben der Stadt mitgeprägt haben. Wichtige Impulse für die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte Lüneburgs lieferte das Projekt „Jüdisches Leben in Lüneburg“ der Museumsstiftung Lüneburg. Mithilfe der dort entwickelten historischen Karte konnten die Jugendlichen ehemalige Wohn- und Wirkungsorte der jüdischen Bevölkerung im heutigen Stadtbild wieder sichtbar machen. https://jüdisches-leben-in-lüneburg.de/index.php/de/
Darüber hinaus machten sie auch vergessene Orte der nationalsozialistischen Verbrechen kenntlich. An einem Ort, an dem im April 1945 geflohene Häftlinge eines Gefangenentransports aus dem KZ-Außenlager Wilhelmshaven von der SS erschossen wurden, füllten sie Einschusslöcher und Risse in einer Mauer mit bunten Legosteinen. Besonders die roten Steine stehen symbolisch für die Gewalt und das vergossene Blut der Opfer. Der Kontrast zwischen dem bunten Spielzeugmaterial und der grausamen Geschichte des Ortes irritiert bewusst und lädt dazu ein, innezuhalten, genauer hinzusehen und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Die Fotos der Aktion wurden am 26. Juni im und am alten Speisewagen auf dem Museumsbahngelände präsentiert. Funktioniert das Bunte mit dem Dunklen? Die Antworten gaben Yamamah Haci und Eda Kaman in ihren Statements, in denen sie deutlich machten, wie sie durch diese sehr handfeste Aktion sich noch mal intensiver mit der Geschichte des Verbrechens des Nationalsozialismus in Lüneburg auseinandersetzen konnten. Dass sie die Arbeiten ihres Kurses als Teil eines weltweiten Netzwerkes des Künstlers Jan Vormann auf dessen Website https://www.dispatchwork.info hochladen konnten, erfüllte sie mit Stolz.
Schon zum zweiten Mal war ein weiterer Kunstkurs – in Jahrgang 11 – den Spuren der grauenhaften Geschichte, die sich kurz von der Befreiung Lüneburgs durch die Briten 1945 in unmittelbarer Nähe des Lüneburger Bahnhofs ereignete, mit Kunstlehrer Jorge Ponce gefolgt. Die Idee war eine Fotoinszenierung auf dem Museums-Bahngelände mit seinen alten Wagons, die es zum Teil in der Zeit des Nationalsozialismus schon so gegeben hatte. Die Schüler:innen bereiteten sich mit Zeitzeugenberichten der Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen in Viehwagons aus den KZ-Außenlagern ins Innere des bröckelnden Reiches transportiert werden sollten vor, knüpften an einen Besuch in der Hamburger Kunsthalle an und inszenierten mit viel Kreativität Fotos, die die Enge des Transports und das Leid der Häftlinge hat deutlich werden lassen. Auch die Schüler:innen Casey Schlange und Alina Petrusenko berichteten von ihren Zugängen zu der Geschichte diesmal durch den Sucher einer Kamera. Als cleane, hinterleuchtete Bilder in dem farbblätternden Ambiente des Eisenbahnwagens war auch die Präsentation der Arbeiten eine Inszenierung. Unterstützt von Uwe Franzen, aus der Gruppe „6 Tage im April“ einem Profi für visuelle Umsetzungen, Technik und Improvisation und einem kleinen Budget aus dem Verfügungsfonds in Kaltenmoor und Restmitteln von der Volkshochschule, entstanden nicht nur die Fotoinszenierungen selber, sondern auch Tafeln und Videos, die die Hintergründe der Geschichte aber auch das Entstehen der Projekte dokumentieren.
Der Einladung zur Ausstellung war eine bunte Mischung an unterschiedlichen Interessierten gefolgt: Zunächst die Schüler:innen und ihre Familien, Lehrer:innen aus der IGS, Schulleiter Herr Meier-Schütze, der einmal mehr die Wichtigkeit betonte, unterschiedliche Zugänge gerade zur Geschichte des Nationalsozialismus zu erschließen und dabei auch die Geschichte vor Ort, jenseits des hinlänglich bekannten zu bearbeiten. Er selbst habe als Lüneburger Schüler nichts vom Massaker an den KZ-Gefangenen in unmittelbarer Nähe seiner Schule gehört.
Und gekommen waren auch die, die sich in Lüneburg mit Geschichte beschäftigen, oft damit aber in ihren eigenen Kreisen bleiben. Da sind die Verkehrsfreunde, deren Vorsitzender Hans Dierken, einmal mehr die zwiespältige Rolle der Reichsbahn im Zusammenhang mit Häftlingstransporten betonte. Frieder Kern, einer der Initiatoren des Projekts „6 Tage im April“ rekapitulierte die Überlegungen der Gruppe dazu, wie aus dem Friedhof im Tiergarten und den verschiedenen unmarkierten Orten des Kriegsverbrechens entlang der Bahngleise ein Lernort möglich werden konnte. Die Schritte dahin macht die Gruppe gemeinsam mit der IGS gerade durch die ins Curriculum aufgenommenen Führungen und die Ideen der Kunstprojekte. Dass es Zeit und Unterstützung auch von der Stadt braucht, konnte Kern dann schon im Beisein der Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch sagen, die trotz eines vollen Terminkalenders vorbei kam. Sie betonte einmal mehr die Wichtigkeit von Erinnerungskultur und solchen Projekten gerade mit jungen Leuten in Zeiten mannigfaltiger Bedrohungen für die Demokratie und war ehrlich beeindruckt von dem, was sie dann zu sehen bekam. Die Schüler:innen führten sie durch die Ausstellungswagons und konnten noch mal anbringen, wie ihre Perspektive auf diese Art von Schule ist.













